Auszug aus dem Buch :

Karl vom See  Auf Kreuzfahrt mit Mélusine “ (Anhang I) 

 Anhang I

Die Geschichte von Mélusine

und des Chambre de Mélusine

 

a. Kurze Geschichte der Mélusine

Raymondin, der mächtige Gatte der Mélusine, hatte sein Versprechen gebrochen, indem er angestachelt durch die Missgunst seines Bruders, dem Comte de Forez, mit seinem Degen ein Loch in die Tür der Frauengemächer gebohrt hatte, um seine Frau beim samstäglichen Bad zu beobachten, das sie womöglich mit einem Liebhaber vollzog.

 Er entdeckte so das Geheimnis seiner ihm nach wie vor treuen Gemahlin Mélusine.

Jeden Samstag zog sie sich zurück und badete in einem riesigen Bottich aus dem ihr wunderschöner Oberkörper einer verführerischen Frau herausragte, während sie mit einem riesigen Fischschwanz unterhalb des Bauchnabels fröhlich und gewaltig das Wasser peitschte.

Durch diesen Bruch des Schwures ihres Gatten, ihr zu vertrauen und sie nie samstags zu behelligen, war der Zauber gebrochen und Mélusine musste für immer aus der Welt der sterblichen Menschen zurück in die Verbannung ihrer Feenwelt, um wieder dort das Schicksal zu erdulden, dass einst ihre Mutter Présine über ihre drei Töchter Mélusine, Mélior und Palestine verhängt hatte

 Hatten diese jungen Dinger doch dank ihrer Feenkräfte ihren menschlichen Vater, Elias, den König von Schottland in einen hohen, magischen Berg Northumberlands eingeschlossen. Auf diese Weise glaubten sie seinen Treuebruch an ihrer Mutter, der Fee Présine, rächen zu können. Entgegen seinem Schwur war nämlich der königliche Vater möglicherweise bei der jeweiligen Niederkunft aber mit Sicherheit beim intimen Stillen seiner Töchter anwesend gewesen…...

 Seit vielen hundert Jahren erzählt nun die Legende in der Vendée, dass die Fee Mélusine kurzfristig in menschlicher Gestalt zu den Burgen und Festungen zurückkommt, die sie in glücklicheren Zeiten aus einer Schürze voller Steine und Lehm für ihren Geliebten Raymondin gebaut hat, sobald dort ein neuer Besitzer einzieht. Auch soll sie, wenn einer ihrer zahlreichen Nachfahren stirbt, diesem in seinen letzten Lebensmomenten liebevoll beistehen.

 

b. Bezug der Fee zu Karl vom See und zu Madame

 Natürlich fragen sich die Bewohner der Vendée auch seit vielen Jahrhunderten, wo sich  Mélusine wohl aufhalten mag, wenn sie nicht ihre alten Gemächer und Gemäuer in Pouzauges, Tiffauges, Lusignan, Mervent oder Vouvant besucht.

 Karl vom See und Madame haben zufällig ihre feenhaften Spuren vor vielen Jahren gefunden, in einem abgelegenen Haus in der Nähe von Foussais, nur wenige  Feenflügelschläge von ihren alten Wirkungstätten in Mervent und Vouvant entfernt.

Deswegen nannten sie dieses Haus “Le Refuge Mélusine“.

 Das separierte Zimmer, in dem die beiden Fremdlinge aus dem fernen Germanien sie manche Nacht weinen, fluchen aber auch lachen und singen hörten, war und ist für sie reserviert.

 Sie lernten Mélusine im Lauf der Zeit immer besser und näher kennen, so dass sich insbesondere zwischen Karl vom See und ihr eine von tiefem Vertrauen gekennzeichnete Beziehung entwickelt hat.

Die uralte Fee ist in der Regel eine lebenslustige, emanzipierte und zeitlos schöne Frau, die den Menschen inzwischen verziehen hat und ihren inneren Frieden gefunden hat. Sicherlich kann man nicht ausschließen, dass sich mitunter, bei schlechter Laune, das hässlich erschreckende Aussehen einer Drachenfrau überstülpt.

 Nachdem Mélusine immer deutlicher den Wunsch nach zeitgemäßem Komfort spürte, da sie es allmählich leid war, mittelalterliche Kargheit sinnlos und aufgrund veralterter Prinzipien weiter zu ertragen, bat sie Karl vom See und Madame an einem windigen Tag im Herbst des neuen Jahrtausends ihr in „Le Refuge Mélusine“ einen ganz privaten Rückzugsort nach ihren ganz persönlichen Wünschen zu gestalten.

Als Karl vorsichtig und diplomatisch einwarf, dass die Legende besage, dass sie aus einem Haufen Steinen und einer Handvoll Erde Schlösser zu bauen pflegte, hatte die Fee nur bemerkt, dass sie mit der neumodischen Technik in modernen Zimmern nichts mehr am Hut hätte und dass man wissen müsse, wann es Zeit sei, andere kreative Persönlichkeiten besagte handwerkliche Arbeiten ausführen zu lassen. Damit war dieses Thema für alle Zeiten wohl vom Tisch.

 

c. La Chambre de Mélusine

 So wie folgt, stellte sich also die Fee Mélusine aus dem Poitou, wie in den vielen Gesprächen, die sie in den folgenden Monaten und Jahren mit Karl vom See und Madame führen sollte, deutlich wurde, ihr “Chambre de Mélusine“ vor:

 Außerhalb einer sichtbaren Siedlungsmauer im mittelalterlichen Fachwerkstil, die sie stets an ihren unfreiwilligen Ausschluss aus der Welt der Menschen erinnern sollte, wollte sie in einem geschlossenen, warmen und gemütlichen Raum ihr neues hochmatraziges Mélusinenbett errichtet sehen, das das Zentrum ihres Zimmers darstellt.

Es sollte sie in Form und Größe an ihre unendlich langen und zärtlichen Liebesnächte mit ihrem Gatten Raymondin erinnern, mit dem sie zehn Kinder zeugte. Allerdings sollte es nur einen angedeuteten Baldachin aufweisen, damit ihre Blicke frei den gesamten Raum erfassen könnten.

 Stets hatte das Bett, das in der Regel Beginn und Ende jeder Kreatur beinhaltet,  für sie im Zentrum ihrer Werte und ihrer Gefühlswelt gestanden. Ist es und war es und wird es doch vor allem der Ort sein, an dem Menschen die ganze Kraft ihrer sensuellen Fantasie ausleben können und zugleich im Vertrauen auf die Liebe und den Schutz des Partners der Tiefe der Nacht mit dem Schlaf als kleinem Bruder des Todes trotzen können.

 Die Wände und Decken sollten mit ihren roten und gelben Tönen an die Provence erinnern, in die sie zahlreiche Reisen mit ihrem geliebten Raymondin unternommen hatte.

 Das Mobiliar sollte ausgewählt und ausgefallen sein und an den Wänden wünschte sie sich neben den Bildern ihrer Söhne auch ein Gemälde, dass sie in ihrer unvergänglichen weiblichen Schönheit zeigt.

 (Karl vom See hat deswegen einen befreundeten und bekannten Zeichner, den Baron Bruno de la Pintière aus Vouvant gebeten, diese Bildnisse nach alten Quellen aber mit modernem Pinselstrich für sie anzufertigen. Als Mélusine einige Wochen nach der Rückkehr von ihrer Kreufahrt die fertigen Zeichnungen zur Ansicht vorgelegt bekam, musste sie schon sehr feenhaft schmunzeln.)

 Da Mélusine eine kunstliebende und belesene Frau ist, war einer ihrer vielen Wünsche eine Lampe vorzufinden, in der sich ihre Formen mit denen von Raymondin verschmelzen. Ferner sollte eine weitere Lampe pure Weiblichkeit in Form einer ewig jungen Mélusine symbolisieren. Auch diese Wünsche konnten ihr nach langer Suche in Europa erfüllt werden.

 Damit sie stets an ihre bäuerlich-ländliche Herkunft als Eustache Chabot erinnert werde, fände sie es passend, an einer der freien Wände ein rustikal geschnitztes Kunstwerk aufzuhängen, dass in Form eines jungen Mädchens, das von Brot und Ähren umgeben, ihre starke Bindung zur Natur und der fruchtigen Ackerscholle symbolisieren sollte.

 Ansonsten ließe sie den beiden Menschen bei der Auswahl dieses Kunstwerkes jegliche Freiheit, was Madame zu einer spitzen Bemerkung veranlasste, die unter gebotener Rücksichtnahme auf den Teil der geneigten Leserschaft, der auf ansprechende gesellschaftliche Manieren und einen gepflegten Umgangston großen Wert legt, hier nicht veröffentlicht werden kann.

 In den gemeinsamen abendlichen Gesprächen, zumeist am Kaminfeuer der Küche, überraschte Mélusine ihre Freunde aus dem Diesseits immer wieder mit einer fast unbegrenzten Flut detaillierter Einrichtungswünsche, die Karl vom See und Madame natürlich versuchten, möglichst umgehend in die Wirklichkeit umzusetzen.

 Sie wünschte sich zunächst einen niedrigen ovalen Ablagetisch von Barrois, in dessen warm gekachelter Oberfläche Spuren unterschiedlicher Blätter wieder zu finden seien, die die allgegenwärtige Natur symbolisieren sollten. (Es kostete die beiden Menschlichen geschlagene vier Monate, um dieses so pingelig detailliert beschriebene Element ausfindig zu machen.)

 Dann stand ihr Sinn nach einem mit weißen Blättern verzierten Standspiegel, der

ihre weibliche Schönheit stets ins rechte Licht setzen sollte, zumal man ihn ja auch im Raum umsetzen könnte. Natürlich eignet sich ein solcher Spiegel auch, um einen wallenden Schleierhut dort dezent aufzuhängen.

 Das Thema Spiegel wollte sie ferner durch einen lilanen Runenspiegel erweitert wissen, um eventuell so das leidige Problem des sich nicht optimal von hinten Betrachten Könnens zumindest partiell aus der Welt zu schaffen.

 Da der Begriff lila gefallen war, der ja auch für die Nichtsterbliche mit dem Begriff der weiblichen Emanzipation verbunden ist, bat sie mit besonderem Nachdruck um die Möblierung ihres zukünftigen Gemaches mit einem Feenstuhl. Dieser sollte unter anderem neben einer ovalen Sitzfläche auf jeden Fall geschwungene goldene Füße und eine in zwei spitze Enden auslaufende Lehne aufweisen. Als Karl vom See an den Fähigkeiten ihrer Einschätzung bezüglich der Verfügbarkeit von Möbeln im Jahre 2005 zweifelte, lächelte sie wie gewohnt nachsichtig und gab den  sachkundigen Tipp, dass ein solches Möbelstück am Rhein, in der Nähe einer Landeshauptstadt, von den flinken und kreativen Händen der Polsterer einer Firma Bretz oder Retz einst angefertigt worden war.

 In lila wollte sie auch eine kleine Drachenschale vorfinden, in der sie abends ihren Schmuck ablegen konnte. Den Einwand von Madame, dass so etwas eher kitschig aussehe, überhörte die mit roten Bäckchen Planende geflissentlich.

 Überhaupt drehte Mélusine aus nahe liegenden Gründen bei dem Reizthema “Drachen“, ihrem Alter Ego, ungeheuer auf. Es wäre einfach das allerhöchste, sinnierte sie, wenn sich, passend zu besagtem lila Retz- oder Bretzsessel, ein ausgefallener unheimlicher Drachentisch fände. Sie hätte außerdem auch einmal von einer Drachendeckenlampe gehört und würde es sehr begrüßen, wenn man in dieser Richtung auch tätig würde.

 Es gibt jedoch manchmal Momente, da erlaubt sich Mann und Frau von Welt  einen entsprechenden bissigen Kommentar. Madame gestattete sich an dieser Stelle des Monologes zu bemerken, dass die Fee sich entscheiden müsse, entweder für einen Tisch von Barrois oder für einen wie auch immer gestalteten Drachentisch. Beides zusammen würde den Rahmen des Zimmers und des Budgets sprengen. Mit einem spitzen Nebensatz bemerkte daraufhin Mélusine, dass sie sich beide Tischchen in ihrem Chambre vorstellen könnte und man werde halt sehen müssen, wessen Geschmack sich durchsetze. Dann fuhr sie mit der detaillierten Darstellung ihrer Wünsche fort.

 In einer Ecke platziert, sah sie jetzt vor ihrem geistigen Auge ein dezent geblümtes und sehr zierliches Toilettengeschirr, das für die elementaren Bedürfnisse einer reinlichen Frau in Extremfällen von größtem Nutzen sein könnte.

 Natürlich müsste irgendwo auch eine etwas antiquierte Weltkarte hängen, um geographische oder topographische Probleme der Vergangenheit sofort vor Ort lösen zu können.

 Was sie den beiden menschlichen Freunden jedoch am 26.1.2005 mitteilte, konnten Madame und Karl vom See zunächst überhaupt nicht nachvollziehen, auch wenn sie höflichst nie Zweifel an Mélusines magischen Fähigkeiten hatten, dass sie sich problemlos dem jeweiligen Zeitgeist anpassen kann.

 Sie wünschte sich in der Tat einen Fernseher mit einem riesigen Bildschirm, auf dem sie auch DVDs und Videofilme schauen könne.

 Als Madame, die Expertin in dieser Fernseh- und Filmsparte ist, sodann ironisch bemerkte, ob sie ihr auch James Bond-Filme besorgen sollten, meinte Mélusine sehr ernst, sie wolle in ihrem privaten Heimkino gerne historische Filme aus dem Mittelalter mit noblen Rittern und edlen Damen sehen, die das höfische Leben ihrer Zeit widerspiegelten.

Als die nordischen Fremdlinge etwas betreten schwiegen, lachte sie verschmitzt. Dann behauptete sie keck, keine moderne Fee könne und solle heute ohne Satellitenfernsehen leben. Auch wolle sie die weitere Entwicklung im monegassischen Fürstenhaus der Grimaldis weiter verfolgen. (La coquette, in Wirklichkeit möchte sie so zumindest ab und zu Albert sehen, auf den sie anscheinend ein Feenauge geworfen hat.)

 Madame, die als Frau von Welt durchaus Verständnis für jegliche Art weiblicher Extravaganzen hat, sah jedoch irgendwann im Spätsommer des gleichen Jahres den Zeitpunkt gekommen, die Frage in den Raum zu stellen, wer denn das alle bezahlen solle.

 „Nun“, meinte Mélusine, ebenfalls ganz Grande Dame, „wir machen einen Handel, ihr richtet mir mein Zimmer nach meinen Wünschen ein und dafür könnt ihr es während meiner Abwesenheit bisweilen oder ab und zu, gegen entsprechenden Aufpreis natürlich, an interessierte Gäste vermieten.“

 Als Karl vom See einwarf, dass heutzutage niemand ein Feenzimmer mieten will und an welche Art von Gästen sie bitteschön gedacht habe, stemmte sie zum Schein entrüstet ihre Arme in ihre schlanken Hüften und sang dieses provokante Liedchen auf mittelalterliche Weise.

  

„Die, die den Alltag vergessen sollen,

die, die sich selber finden wollen,

die, die sich gestatten einen Traum,

wohnen gern in meinem Feenraum.

 

Die, die sich von Bildern verführen lassen,

die, die das tägliche Einerlei hassen

die nicht immer schreien „Neuer, neuer“               

wohnen gern in meinem Feen-Gemäuer.

 

Die, die im Detail das Schöne finden,

die die Blumen aus Gedanken winden,

die, die ganz Mann und ganz Weibe

wohnen gerne in meiner Feenbleibe

 

Die, die das Besondere wollen ,

die, die gerne im Bettchen tollen,

die, die voller Freude wimmern,

wohnen gern in meinem Feenzimmer.“

 

Nach ihrer wirklich gekonnten Gesangsvorführung verneigte sie sich höfisch artig und räusperte sich ein wenig verlegen und sagte gewohnt bescheiden: „Nun, mit einer entsprechenden Lautenbegleitung hätte mein Vortrag natürlich professioneller geklungen. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.“

 Sie machte noch einen ausgefallenen Bühnenknicks, nahm damenhaft Platz, wobei sie ihr rot-güldenes-grünes Samtkleid zurückstrich und den korrekten Sitz der dazu passenden Feenhaube überprüfte. Dann wollte sie mit ihrer wohl ellenlangen Wunschliste fortfahren als sie plötzlich wie sinnend innehielt. „Eigentlich mag ich ganz besonders gerne ungeplante Überraschungen. Den Rest der Ausstattung überlasse ich euch, um dann eventuell hier und da meine Kritik anzubringen.“

„Was ist eigentlich mit den vier Holzbolzen an den Nebengebäuden im Garten, auf die du aus deinem Fensterchen blicken kannst?“ wollte Karl vom See ganz pragmatisch an dieser Stelle noch wissen und bezog sich auf den Vorfall mit Gilles, der an selbigen die vier Zöglinge hatte baumeln lassen.

„Lasst die einfach dort stecken. Sie stören mich nicht. Im Gegenteil, sie sehen erotisch aus und mögen außerdem späteren Generationen zur Warnung dienen“, antwortete die Fee verschmitzt und lächelte dabei vieldeutig, während sie ihre Drachenschwingen für den imminent bevorstehenden Abflug in Stellung brachte.

Überrachenderweise verharrte sie einige Momente in dieser etwas grotesken Stellung und sah die beiden Menschlichen mit einem durchdringend traurigen Blick an, bevor sie ihren letzten Wunsch äußerte: „Ich weiß, dass es ein sehr modernes und geschmacklich durchaus umstrittenes Gemälde gibt, dass Raymondin und mich bei unserem ersten gemeinsamen Bad in der Fontaine de la Soif im blauem Mondlicht zeigt. Es wäre mein größter Traum, dieses stimmungsvolle dreidimensionale Bild, das die leidenschaftliche Jugend zweier zärtlicher Liebender zeigt, im meinem Chambre immer wieder betrachten zu können.“

 Langsam bewegte sie ihre durchsichtigen Schwingen und verschwand im lautlosen Flug zu einem ihrer endlosen und geheimnisvollen Ausflüge, die einigen Kreuzfahrern nur zu gut in Erinnerung bleiben werden.

 Madame und Karl vom See sahen sich bewegt und zugleich ein wenig verdutzt an. Die Fee hatte ihnen nicht die geringste Chance für pragmatische Einwände gelassen.

Alle Betroffenen wussten somit aus gutem Grund, dass dieses der Beginn einer unendlichen Geschichte war.

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